Von Whistleblowern und ethischen Klonen

Einer der Wissenschaftler, die vergangenes Wochenende auf dem Kongress „Einstein weiterdenken – Wissenschaft, Verantwortung, Frieden“ mit Preisen geehrt wurden, gehört wohl zu den streitbarsten Figuren der gegenwärtigen Debatten um „Grüne Gentechnik“: Arpad Pusztai, ein bis vor einigen Jahren hoch angesehener Biologie, der als führend unter den Lebensmittelforschern galt und über 270 wissenschaftliche Publikationen vorzuweisen hat. 1998 veröffentlichte Pusztai eine Studie, die organische Veränderungen bei Ratten zu belegen schien, welche mit gentechnisch veränderten Kartoffeln gefüttert wurden. Das Rowett Research Institute in Aberdeen handelte umgehend und entließ Pusztai, der durch seine Arbeit als einer der ersten Biologen konkret auf Risiken der „Grünen Gentechnik“ aufmerksam gemacht hatte. Obwohl auf seine Veröffentlichungen zahlreiche Entwarnungen folgten, wurden weitere Studien bekannt, die Auffälligkeiten zeigen, welche jedoch von Monsanto, aber auch bspw. dem RKI, als unproblematische Abweichungen bewertet werden.
Die Vereinigung deutscher Wissenschaftler honorierte die Arbeit Pusztais nun mit dem sogenannten „Whistleblower-Preis“, der alle zwei Jahre an Menschen verliehen wird, die ethisch problematische oder ungesetzliche Praktiken im eigenen Arbeitsumfeld aufdecken. Dass diese Ehrerweisung weitergehende Auswirkungen auf Entscheidungsträger haben wird, kann jedoch bezweifelt werden.
So ist auch nicht wirklich zu erwarten, dass etwa der Europäische Gerichtshof die Entscheidung, die er Anfang Oktober getroffen hatte, indem er das in Oberösterreich erlassene Verbot des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen für unrechtmäßig erklärte, revidieren wird. In Oberösterreich sollte durch das Verbot der konventionelle Anbau geschützt werden, doch die EU- Kommission hatte entschieden, dass in Europa Gentechnik-freie Zonen nicht gesetzlich vorgeschrieben werden können. Oberösterreich legte gegen die Entscheidung Klage vor dem Europäischen Gerichtshof ein, doch letzterer unterstützte die Entscheidung der Kommission und wies die Klage in allen Punkten ab.
Andernorts setzte sich eine Koalition von 17 großteils asiatischen Organisationen im Rahmen einer Stellungnahme zum Welternährungstag am 16. Oktober für ein komplettes Verbot von genmanipuliertem Reis ein. Dieser sei keine Lösung für Armut und Hunger. Varoonvarn Svangsopakul von Greenpeace verdeutlicht die Befürchtungen:
„Rice is the world’s most important staple food crop and we simply cannot allow a small number of biotech companies and GE scientists to determine the future of rice development. […] The aggressive push from biotechnology companies wanting to introduce GE rice in Asia is facing increasing criticism from civil society organisations concerned about negative impacts on farmers, on the environment, health and agricultural sustainability.“
Gegenwärtig kommt auch wieder Bewegung in die Diskussion um Stammzellforschung am Menschen. Wissenschaftler haben offenbar eine Möglichkeit gefunden, pluripotente Stammzellen aus einem relativ späten Stadium der Embryonalentwicklung zu gewinnen, so dass keine Embryonen getötet werden müssen. Medien begleiten den Vorstoß mit Überschriften wie „Stem cell creators find answers to ethical doubts“ oder auch „Anger at ‚ethical‘ cloning„. Robert Lanza, Professor an der Wake Forest School of Medicine in North Carolina, zum Thema:
„The ability to generate human embryonic stem cell lines from PGD blastomeres could circumvent the ethical concerns voiced by many, and allow the banking of cell lines for children born from transferred embryos.“
Kritik an derartigen Äußerungen blieb selbstverständlich nicht aus, da viele ethische Fragen weiterhin offen sind. Jedoch kann wohl auch in den Augen vieler Kritiker als Fortschritt gewertet werden, dass nun eigentlich nicht mehr von einer großartigen Notwendigkeit gesprochen werden kann, Embryonen für die Forschung oder Medizin zu „verbrauchen“. Allerdings stellt sich die Frage nach den Fundamenten bioethischer Überlegungen: wenn erst einmal Lebewesen ohne Umstände aus einfachen Körperzellen geklont werden – spätestens dann sollte die Bioethik wohl die maßgeblichen Vorstellungen von Potentialität überdenken.

1 Kommentar

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hives
18. Oktober 2005 um 08:07

Hier ein aktueller Artikel von Telepolis zu der erwähnten neuen Möglichkeit, Stammzellen zu gewinnen, ohne Embryonen zu töten:
Moralisch korrekte Gewinnung von embryonalen Stammzellen?
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21163/1.html
In der „Abendzeitung“ ist bereits „Neue Stammzellen-Technologien überzeugen etliche Klon-Gegner“ zu lesen.

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