Deutsche Wirtschaft am Boden- von wegen!

Sparen, sparen, sparen, wird einem in den letzten Wochen non stop um die Ohren gehauen. Sparen, damit es der angeblich am Boden liegenden deutschen Wirtschaft wieder besser geht, damit Arbeitsplätze geschaffen werden, damit keine weitere Abwanderung stattfindet, damit hier in Deutschland so richtig gerne investiert wird. Nun passen die gerade veröffentlichten Bilanzen der DAX-notierten Unternehmen irgendwie nicht so richtig zum für die Öffentlichkeit gezeichneten Bild von der darbenden Wirtschaft:

Inzwischen haben 26 der 30 Dax-Werte ihre Bilanzen auf den Tisch gelegt. 21 Firmen überraschten mit Zahlen, die in irgendeiner Form oberhalb der Erwartungen lagen. Durchschnittlich stiegen die Gewinne um sage und schreibe knapp 45 Prozent. Der Pharmakonzern Bayer beispielsweise konnte den Quartalsgewinn mehr als verdoppeln und hob die Prognose an. Auch die Deutsche Börse meldete Rekorde bei Umsatz und Gewinn.
Die Deutsche Telekom schaffte die Wende in die schwarzen Zahlen und fuhr einen Milliardengewinn ein. Hier allerdings drückte eine andere Nachricht aufs Gemüt. Zu dem Ergebnis trugen sehr viele Sonderfaktoren, wie Beteiligungsverkäufe, bei. Viele Anleger stellten sich angesichts der hohen Unternehmensgewinne ganz andere Fragen: Wenn?s so gut läuft, warum landen so viele Leute auf der Straße?

Eine gute Frage, aber dem Börsenprofie müsste eigentlich der Zusammenhang zwischen Verschlankung von Unternehmen, was gleichbedeutend mit Massenentlassungen, Mehrarbeit, dem Abbau von Arbeitnehmerrechten ist und steigenden Börsenkursen bewusst sein. Für die Stimmung in der Öffentlichkeit, die sich mehr und mehr fragt, was dieses Wachstum ihnen eigentlich noch bringt, wenn sie doch keinen Anteil daran haben (that’s capitalism- stupid), ist es als kleines Anteilnahmepflästerchen allemal tauglich- noch.
Aber weiter gehts im Text:
Zuletzt hatte die Telekom mit einem Radikalschnitt von 32.000 Stellen geschockt. Die Deutsche Bank hatte trotz oberhalb der Erwartungen liegenden Zahlen auf ihrem Streichkonzert beharrt. Die Antwort auf die Frage lieferte Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. Bilanzierte Gewinne seien Gewinne der Vergangenheit, so Ricke. Die Herausforderungen der Zukunft seien die Rechtfertigung der Sparmaßnahmen.
Da prallen in den Einschätzungen von Straße und Wirtschaftswelt Galaxien aufeinander. An der Börse sieht man es genauso wie Telekom-Chef Ricke, was niemanden so recht verwundern mag. Die meisten Zahlen stießen auf positive Resonanz oder führten zu massiven Gewinnmitnahmen, was ja auch nicht verkehrt ist. Unterm Strich aber steigen die Kurse. Trotz aller äußerlichen Widrigkeiten, wie der Randale in Frankreich oder der politischen Unsicherheiten in Berlin.

Sehr interessant, wie sich die Rechtfertigung von einschneidenden Maßnahmen von der Gegenwart auf die Zukunft verlagert. Es sei die Frage erlaubt, wie diese Unternehmen es ohne die jetzt als so dringend geforderten Sparmaßnahmen geschafft haben, diese konkurrenzlosen Gewinne zu erwirtschaften. Ein Fass ohne Boden. Die Zukunft wird die Zukunft, wird die Zukunft ablösen… ohne das, außer den Unternehmen und deren Aktionäre, irgendjemand etwas davon hat. So ist das eben im Kapitalismus: Wer A sagt, muß auch B sagen- wer blauäugig glaubt das dieser etwas anderes als Profitmaximierung Einzelner auf Teufel komm raus im Kopf hat, der ihn gar mit Demokratie und sozialer Verantwortung in Verbindung bringt, wird sich, wenn nicht schon jetzt, spätestens in näherer Zukunft schwer umgucken. Da prallen in der Tat Galaxien aufeinander- der zwischen der einträchtigen Verschmelzung einer parasitären Kaste aus Politik, Reichen und Wirtschaft und der Strasse, wie man, je nachdem ob man noch braver Konsument oder Kritiker ist, in unserer durchlöcherten Demokratie betitelt wird. Wer in diesem irren Wahn gewinnt, sind die Unternehmen und ihre Anteilseigner, deren Dividendeerwartungen über Wohl und Wehe 10 000er Arbeitsplätze entscheiden, die abgebaut werden, weil die Nochbeschäftigten bereit sind länger zu arbeiten bzw. weil die Arbeitskräfte durch Automatisierung sowieso nicht mehr benötigt werden. Die große Umverteilung in die übliche Richtung:
Des Arbeitnehmers Leid ist des Aktionärs Freud. Nicht nur sind die Aktienkurse in den vergangenen Monaten kräftig gestiegen, rund 15 Milliarden Euro schütten allein die 30 Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex in diesem Jahr an Dividenden an die Aktionäre aus. Und es geht weiter: 2006 soll diese Zahl sogar auf fast 18 Milliarden Euro steigen, erwarten die Analysten der HypoVereinsbank.
Vielleicht sollte man die deutsche Nationalhymne umtexten? „Blüh‘ im glanze dieses Glückes, blühe (deutsche) Dividende(heheee…)“
Verlierer in dieser irren Veranstaltung sind letztendlich fast alle. Auch die mittelständischen Betriebe werden sich zunehmend der sogenannten Unterschicht zugesellen, weil sie durch die ständig verminderte Kaufkraft in große Schwierigkeiten geraten, ihre auf den Binnenmarkt angewiesenen Produkte/Dienstleistungen zu verkaufen, die gegen die Dumpingpreise der großen Konzerne nicht konkurrieren kann bzw. wegen zunehmender Ebbe in den Geldbörsen nicht in Anspruch genommen werden. Wer sich als Geißlein vom Wolf vertreten lässt, muss sich aber auch nicht wundern. Aber bis sich diese Erkenntnis durchsetzt braucht es wohl hierzulande, trotz eigentlich nicht mißinterpretierbarer, sehr deutlicher Anzeichen, noch etwas Zeit.

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