"Anschlag auf Al- Jazeera" als Scherz des Präsidenten?

Ein hohes Regierungsamt ist keine Garantie für geschmackvollen Humor – doch lässt sich die Debatte um angebliche US- Anschlagspläne tatsächlich in dieser Weise reduzieren?
Tony Blair verneinte die direkte Frage eines Abgeordneten, ob er Kenntnis von entsprechenden Angriffsplänen gehabt hätte. Die US- amerikanische Regierung dementierte generell die Existenz von US- Plänen, Al-Jazeera zu bombadieren. Medien berichteten mit Verweis auf Aussagen von Regierungsbeamten bereits von einer satirischen, scherzhaften Aussage des Präsidenten.
Vergangegene Woche wurde allerdings per e-mail eine Warnung von höchster Stelle an die Redationen britischer Zeitungen gesendet, die der Debatte neuen Zündstoff bescherte. Journalisten, die über die Inhalte des zur Debatte stehende Dokuments weiter berichten, hätten mit einer Strafe auf Grundlage des britischen „Official Secrets Act“ zu rechnen.
Ein Sprecher der britischen Regierung lehnte aufgrund der Vertraulichkeit des zur Frage stehenden Dokuments ab, die Zeitungsberichte zu kommentieren. Während ein Regierungsbeamter die Äußerungen von Bush als „scherzhaft, nicht ernsthaft“ bezeichnete, widersprach eine ungenannte Quelle aus den Reihen der britischen Regierung derartigen Einschätzungen:
„Bush war es mit der Sache todernst, und Blair auch. Das geht aus der Sprache der beiden Männer ganz klar hervor.“
Im Gespräch mit Newsweek schloss sich ein weiterer Beamter dieser Auffassung an:
„Ich denke nicht, dass Tony Blair dachte, dass es sich um einen Scherz handelt.“
Kevin Maguire vom Daily Mirror, einer der wenigen Journalisten, die behaupten, detaillierte Kenntnis des Dokuments zu besitzen, berichtete, dass Blair dem Dokument zufolge die Drohung von Bush sehr ernst nahm, und einen Teil des Treffens mit dem Versuch verbrachte, Bush die Attacke auf Al-Jazeera auzureden. Blair befürchtete angeblich, dass ein Anschlag in Qatar starke Reaktionen hervorrufen würde. Aus Angst vor juristischen Konsequenzen äußerten sich die Reporter des Mirror nicht weiter zu den Inhalten des Dokuments.
Die fraglichen Aufzeichnungen fanden allem Anschein nach bereits 2004 ihren Weg zu dem ehemaligen Abgeordneten Anthony Clarke, der seinen Sitz im Parlament inzwischen verloren hat und für einen Kommentar nicht ausfindig gemacht werden konnte. Clarke gab das Dokument offenbar an Regierung oder Polizei zurück, nachdem zumindest der Inhalt weiterverbreitet wurde. Über die genauen Umstände des Vorfalls existieren verschiedene Spekulationen.
Auf einem Treffen in Beirut, das vergangenen Mittwoch stattfand, bekundeten zahlreiche Journalisten und Vertreter von NGOs Solidarität mit Al- Jazeera. Maan Bashour, der Koordniator des Treffens, berief sich auf Werte, welche sich die USA gerne selbst zusprechen:
„Wir würden gerne den Amerikanern sagen: Wir sind hier, um eure Werte und Ideen zu verteidigen, welche die Werte von Freiheit und Respekt sind. Wir sind hier, weil diese Werte auch unsere Werte sind!“
Als brisant könnte sich möglicherweise auch die angeblich auf dem Dokument enthaltene offene Diskussion zwischen Bush und Blair über die US- Operationen in Fallujah erweisen.

1 Kommentar

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schnarche
3. Dezember 2005 um 02:53

Mir scheint in diesem Krieg wird keine Möglichkeit ausgelassen, von Seiten der Bush-Regierung, sich in der Welt selbst in Misskredit zu bringen.
Mir ist schleierhaft, wie die Elite der USA es zulässt, dass ein Mann wie G. W. Bush das Land regiert und diesen „Befreiungskrieg“ im Nahen Osten führt.
Man sagt: „Jeder bekommt die Regierung die er verdient.“, aber so eine Regierung hat keiner verdient.
Niemand dürfte wohl noch Zweifel haben, aus welchen Gründen dieser Krieg geführt wurde und wird.
Es bleibt zu Hoffen, dass die Gerichtsverfahren in den USA solche Kreise ziehen, dass die Bush-Regierung endlich abtreten muss.
Aber selbst wenn das geschehen sollte, wird sie einen riesigen politischen Scherbenhaufen hinterlassen, dass sowohl die USA, als auch Europa noch lange benötigen werden, dass verspielte Vertrauen wieder zu gewinnen. Wenn dies überhaupt noch möglich ist.

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