Indien – Der wachsende Gigant

Wie schon mehrfach in unserem Diskussionsbereich erwähnt erfreut sich außer der Volksrepublik China ein anderer Vielvölkerstaat in Asien großer ökonomischer Wachstumsraten und zunehmender wirtschaftlicher wie politischer Bedeutung: Indien.
Während Indien zur Jahrtausendwende noch von Umweltkatastrophen wie Zyklonen (1999), verheerenden Dürren und überschwemmungsartigem Monsunregen (beide 2000) heimgesucht wurde (nicht zu vergessen die Tsunami – Katastrophe 2004), und politisch von Kastenunruhen (Bihar, Mitte 2000), maoistischen Rebellen (seit den 1970’ern, West-Bengalen u.a.) und dem brodelnden Kaschmirkonflikt erschüttert wurde, scheint sich die Lage der „größten Demokratie der Welt“ inzwischen zu stabilisieren:
2003 wurde eine Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes um 8,5 % erreicht, der Mumbai Stock Exchange, die bedeutendste indische Börse, verdoppelte ihren Wert im gleichen Jahr, während ausländische Investoren mit Steuervorteilen geködert wurden. Überhaupt ist Indien als zweitbevölkerungsreichste Binnenwirtschaft der Welt und einer damit fast unüberschaubar großen Anzahl an möglichen Konsumenten bei internationalen Konzernen so begehrt wie noch nie.
Das Land sucht den Kontakt zum wirtschaftlich dominierenden Westen der Welt, den Vereinigten Staaten und Europa, um seine Stellung in der Welt auszubauen und zu stabilisieren. In letzterer Zeit waren besonders drei außenpolitische Ereignisse repräsentierend für die neue Politik Indiens:
Engere Zusammenarbeit mit Frankreich
Am 21. Februar unterzeichnete Frankreichs Ministerpräsident Jacques Chirac im Zuge seines Indien-Besuchs zwei Erklärungen, welche die Basis für eine engere Wirtschafts-, Militär- und Nuklearpolitik beider Staaten darstellt:
Außer den Kauf von 43 Airbus-Maschinen strebt Indien an, ca. 25 Atomkraftwerke bei Frankreich zu bestellen; ein enormes Kapitalvolumen würde somit nach Frankreich transferiert werden, während Indien von einer Stabilisierung des Luftfahrts- und Energiesektors profitieren würde; für die rasch wachsende Bevölkerung (2005: ca. 1Mrd. , Prognose 2050: 1,5 Mrd., damit größer als China) und die expandierende Wirtschaft wird die ehemalige britische Kolonie riesige Strommengen benötigen um die Energieversorgung stabil halten zu können.
Zudem kann Frankreich als eine der führenden politischen Mächte Europas und der Welt ein wichtiger Fürsprecher für die angehende Supermacht sein; denn immer wieder kommt es vor allem auf Grund Indiens Nichtanerkennung des Atomwaffensperrvertrages zu internationalen politischen Spannungen.
Kooperation mit den USA
Anfang März besuchte auch der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George W. Bush, das indische Staatsoberhaupt Manmohan Singh. Nach dreißig Jahren wirtschaftlichen Boykotts wurde nun, ähnlich wie mit Frankreich, eine festere Zusammenarbeit in Aussicht gestellt, unter anderem soll es Verhandlungen zum Kauf von Militärvehikeln wie F16- und F18-Kampfjets, Hubschraubern und Schiffen geben. Präsident Bush betonte, dass beide Staaten „Brüder in der Sache der menschlichen Freiheit“ seien und damit Seite an Seite für Freiheit und Demokratie einstehen müssten.
Fraglich bleibt jedoch, ob der U.S.-Kongress einem Vertrag zwischen beiden Staaten zustimmt.
Annäherung an Pakistan
Ebenso scheint Indien weiterhin um eine Deeskalation des Kaschmir-Konfliktes und eine Verständigung mit Pakistan bemüht. Beide Staaten haben sich jahrzehntelang und in drei Kriegen um die umkämpfte Region im Nordwesten Indiens gestritten.
Der leider schnell gescheiterte unerwartete Waffenstillstand zwischen beiden Staaten (2000) die nach dem zerstörerischen Erdbeben Anfang Oktober 2005 entsandte Soforthilfe und die von Indien bereitgestellten 25 Millionen US-Dollar Katastrophenhilfe weisen deutlich darauf hin, dass beide Atommächte um eine Stabilisierung der Region bemüht sind; so streben beide Länder auch den Bau eine gemeinsame Gas-Pipeline aus dem Iran an.
Am 24. März 2006 bot sich der Welt eine kleine Sensation:
Präsident Singh bot Pakistan Verhandlungen für einen Friedensvertrag an, „die Zeit ist gekommen, die Feindseligkeiten hinter sich zu lassen“, sagte Singh laut Berichten der Tagesschau während der Eröffnung einer neuen grenzüberschreitenden Buslinie zwischen beiden Staaten. Laut Pakistan sei ein solcher Schritt jedoch nur mit einer Klärung der Kaschmirfrage zu erreichen.
Wie sich der weitere Verlauf dieses Friedensprozesses entwickeln wird, bleibt abzuwarten, jedoch geht der Trend anscheinend aufwärts.
Sollte Indien seine internationalen Beziehungen weiterhin in diesem Maß ausbauen, ist sein Aufstieg vom Schwellenland zu einer der mächtigsten Volkswirtschaften der Welt wohl nicht mehr aufzuhalten. Es bleibt nur die Frage offen, ob Indien es schafft, die in diesem Text bisher nicht erwähnten großen innenpolitischen Probleme zu beheben, welche seinen Aufstieg erheblich gefährden oder zumindest verlangsamen könnten:
Die große Armut vor allem in den ländlichen Gebieten, die mangelnde Bildung großer Teile der in diesen Regionen lebenden Bevölkerung, hohe Inflations- und Korruptionsraten, ein Übermaß an Bürokratie und die großen ethnisch-kulturellen Unterschiede der verschiedenen Bevölkerungsgruppen sorgen für verschiedene innenpolitische Erschütterungen, die den wachsenden Giganten Indien ins Wanken bringen könnten, auch wenn die Lage zur Zeit relativ ruhig scheint.
Somit liegt es nicht nur in unserem, sondern auch im internationalen Interesse, die ökonomische und globalpolitische Entwicklung der Republik Indien weiter im Auge zu behalten.
Quellen/weiterführende Links:
Engere Zusammenarbeit mit Frankreich: Artikel von Suedasien.net
Bush-Besuch in Indien: Artikel der Süddeutschen Zeitung
Bush-Besuch in Indien: Artikel von Tagesschau.de
Indisch-Pakistanische Zusammenarbeit: Artikel der AG Friedensforschung der Uni Kassel
Indisch-Pakistanische Zusammenarbeit: Artikel von Tagesschau.de
Indisch-Pakistanische Zusammenarbeit: Video auf Tagesschau.de
Indisch-Pakistanische Zusammenarbeit: Artikel von Suedasien.net
Demographische Entwicklung in Indien
Wirtschaftliche Entwicklung in Indien

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