Aralsee – Verlandet und vergessen

Früher war er einmal der viertgrößte See der Erde, Tiger und Wölfe jagten in seinen uralten, artenreichen Uferwäldern Antilopen; Pelikane versuchten in seinen ausgedehnten Flachwasserzonen Beute zu fangen, Fische gab es in Hülle und Fülle. Wie grüne Adern zogen sich der Amu-Dar’ja und er Syr-Dar’ja, die beiden größten ihn speisenden Flüsse, zum Herzen Mittelasiens – dem Aralsee.
Doch heute erschließt sich dem Betrachter ein Bild des Grauens:
Bissige, salzige Sandstürme wehen über den rissigen, staubtrockenen Boden, über die Salzwüste, welche sich über den gesamten grau-braunen Horizont erstreckt. Vereinzelt kann man noch Reste von Städten erkennen, die einst blühende Knotenpunkte menschlichen Lebens waren, doch heute zeugen nur noch eingefallene Ruinen und vereinzelte, und vom Rost zerfressene Fischkutter, die wie Skelette aus dem Boden ragen, vom einstigen Stolz des Sowjet-Imperiums.
Der Anfang vom Ende des Aralsees begann Anfang der 1950er Jahre, als die Sowjetunion den „Stalinplan zur Umgestaltung der Natur“ umzusetzen begann, ein Vorhaben, welches zwar zum einen die zunehmende Desertifikation (Wüstenausbreitung) in der Region stoppen sollte, zum anderen aber am Aralsee auch mit einer Ausweitung der Anbauflächen für Baumwolle und der vom Staat erzwungenen Sesshaftigkeit für Nomaden einher ging.
Nach Stalins Tod weitete Chruschtschow diese Aktion im Rahmen seiner „Neulandkampagne“ weiter aus, der Ausbau von schon bestehenden Kanalnetzen wurde vorangetrieben, die Baumwoll- und Reisfelder von ca. drei Millionen Hektar auf über neun Millionen erhöht. Der vorher nur die Anrainerregionen versorgende Fischfang wurde von 5000 Tonnen innerhalb kurzer Zeit auf 44 000 Tonnen erhöht.
Düngemittel und Abwässer von neueingerichteten Industrieanlagen flossen ungeklärt in den Aralsee und seine Zuflüsse, Schwermetalle und andere giftige Abfälle gelangten so in das Gewässer. Die Kanäle, welche eigentlich die Felder mit Wasser versorgen sollten, verloren einen Großteil ihres Wassers durch Verdunstung oder Versickerung, da die meisten von ihnen nicht einmal ausbetoniert worden waren. Sie glichen triefenden Rinnsälen, die begannen, den Aralsee ausbluten zu lassen, die schnell vorranschreitende Verlandung des Gewässers ins Leben riefen.
Heute, knapp sechzig Jahre nach den Anfängen dieses Prozesses, ist man sich den großen Problemen, welche die scharfen Einschnitte in die Natur geschaffen haben, schon längst bewusst. Aber es ist zu spät. In wenigen Jahrzehnten werden die kläglichen Reste des Sees verdunstet sein, eine gesamte Region gleicht schon jetzt einer Wüste.
Herz dieser Wüste ist das, was vom Aralsee übrig blieb: Zwei salzige Pfützen, in denen kaum noch Leben vorhanden ist.
Die Fläche des Aralsees ging um mehr als 40 % zurück, sein Volumen um mehr als 70 %. 1992 musste der Fischfang eingestellt werden, die früher so artenreichen Mündungsdeltas der Zuflüsse sind zerstört, ein Salzgehalt von über 26% macht alle Hoffnungen auf höheres Leben im Wasser zunichte.
Durch die relativ niedrige Tiefe des Sees hatte die kanalbedingte Verringerung des Zuflusswassers schnell klar sichtbare Auswirkungen: Die Uferlinie zog sich Jahr für Jahr zurück, Küstenorte lagen plötzlich mehrere Dutzend Kilometer im Landesinneren. Anfangs zog man ihr nach, doch schnell wurde deutlich, dass die Zeiten des relativen Wohlstandes und der reichen Fanggründe vorbei waren.
Und damit nicht genug: Starke Nordostwinde tragen den salzigen Staub der sich inzwischen ausgebreiteten Salzwüste auf die Felder, die dem Aralsee das Wasser nahmen; auch sie versalzen zunehmend, womit sie Jahr für Jahr ertragsärmer werden.
Die hohen Belastungen des Bodens und des Grundwassers haben auch nachhaltige Effekte in der Bevölkerung der Region hinterlassen:
Viele Menschen leiden an teilweise chronischen Krankheiten wie Krebs, Tuberkulose, Hepatitis und Typhus; außer Nieren- und Leberschäden führt auch die sich immer weiter verbreitende Mangelernährung der nun verarmten, oft arbeitslosen Bevölkerung zu einem erschreckenden Bild. Viele neugeborene Kinder leiden unter Blutarmut und durch genetische Defekte bedingte geistige und körperliche Behinderungen, sofern sie es bei einer Kindersterblichkeit von über 10 % überhaupt schaffen zu überleben.
Russland, welches nun langsam das Erbe seines Vorgängerstaates anzutreten beginnt, wird in nicht allzu ferner Zukunft zwei Großprojekte zur Stabilisierung der Region starten:
Zum einen plant es, den kleineren der beiden Restseen des ehemaligen Aralsees mit einem Damm zu schützen, so dass sich das Wasser bis zu einem gewissen Pegelstand aufstauen kann. Ein ähnliches aber aufgrund eines Dammbruches gescheitertes Konzept hatte Anfang der 1990er Jahre eine Verbesserung des kleinregionalen Klimas erreicht. Zum Anderen soll ab 2007 ein Bewässerungsprojekt anlaufen, welches die salzigen Restseen durch Pipelines mit Schmelzwasser aus den asiatischen Gebirgen versorgt und so ihren Wasserstand konstant halten soll.
Größtenteils unbeachtet bleibt diese dramatische Katastrophe in unserer europäischen Welt, denn niemand schaut in die Steppengebiete Mittelasiens. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass dieser Vorgang mehr ist als die Zerstörung eines einzigartigen Ökosystems: Sie hat Einflüsse auf das gesamte eurasische Klima; in weiten Teilen Zentralasiens hat sich die jahresdurchschnittliche Regenmenge stark verringert, und schadstoffbelasteste Winde dringen bis in unsere Breiten vor, lagern ihre giftige Fracht auf Wäldern, Wiesen und Sträuchern ab.
Zu spät ist es allemal, niemals mehr werden die versalzten Böden wieder ein vielversprechendes Ökosystem hervorbringen können, das Klima ist dauerhaft verändert, wie in vielen anderen Regionen der Welt.
Und doch ist es wichtig, dass wir genau hinsehen.
Denn so soll uns das Beispiel Aralsee eine Mahnung sein, unsere Natur nicht so eklatant zu zerstören, sie nicht dem Streben nach wirtschaftlichem Profit oder anderen niederen Gründen zu opfern. „Unsere Natur“, damit meine ich die ganze Welt. Denn es hilft nichts, wenn wir in Mitteleuropa Naturschutzgebiete einrichten, während europäische und amerikanische Konzerne in Drittweltstaaten Wälder abholzen, Flüsse verseuchen und schädliche Emissionen ausstoßen, nur weil dort die gesetzlichen Naturschutzauflagen und die Arbeitslöhne geringer sind als bei uns. Auf lange Zeit gesehen, können wir nur mit der Natur leben, nicht ohne sie.
Wirtschaftlicher Ertrag muss endlich nachhaltigem, rücksichtsvollem Denken Platz machen, wenn unsere Spezies noch weiterhin so behütet leben will wie bisher. Andernfalls wird sich „unsere Erde“ in einen Planet voller klimatischer Extreme verwandeln.

2 Kommentare

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Holger
6. Mai 2006 um 11:51

Sehr schöner Bericht, allerdings würde ich das mit dem „vergessen“ nicht unterstreichen.
Zumindest bei uns hier in NRW ist das ein Standard-Thema im Erdkundeunterricht.
gruß
Holger

Leon Friederichs
14. Februar 2012 um 16:02

Hatten wir nicht, oder allenfalls mal in enem Nebensatz erwähnt.
Danke aber für den Artikel, ich bin gerade bei der Recherche zu einem eigenen Beitrag
(http://nest-pas.tumblr.com/post/17605712038/der-see-der-keiner-mehr-ist)
darauf gestoßen und leider musste ich feststellen, dass die Angaben zum Flächenverlsut seit Veröffentlichung deines Eintrages schon längst wieder überholt sind und ganz neue Negativrekorde eingestellt haben.

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