Baikalsee – „Eine Vergewaltigung der Natur“

Ein Großprojekt der russischen Regierung und der von ihr kontrollierten Firma Transneft gefährdet den Baikalsee, in dem ein Fünftel der nicht gefrorenen Trinkwasserreserven der Welt gespeichert sind:
Eine Pipeline, welche Rohöl an die russischen Häfen am Pazifik transportieren soll, läuft in Zukunft nahe am Seeufer des Baikal entlang. Die Region ist eine der erdbebengefährdetsten Russland und so kann es schnell zu einer riesigen Naturkatastrophe kommen.
Skandale um eine angebliche Manipulation der wissenschaftlichen Untersuchungskommission und Proteste der Bevölkerung sowie internationaler Umweltbehörden lassen an der Legitimität und Sicherheit des Projektes zweifeln.
.Kurze Informationen zum Baikalsee
Der Baikalsee, gelegen im südsibirischen Teil Russlands, gilt als ältester See der Welt (ca. 25 Millionen Jahre). Er hat eine maximale Länge von 636 km, eine maximale Breite von 48 km und ist an seiner tiefsten Stelle 1,62 km tief. In im sind 20% des gesamten ungefrorenen Süßwasservorrats gespeichert, er ist Heimat von 2000 teils einzigartigen Tier- und Pflanzenarten, darunter die einzige Süßwasserrobe der Welt und der Amurleopard, eine vom Aussterben bedrohte Raubkatzenart.
Die Region wurde von der Unesco als Weltnaturerbe anerkannt und zieht inzwischen auch schon Tausende von Touristen jährlich an, ist jedoch noch ein sehr ursprüngliches Gebiet.
Der Norden des Baikalsee ist außerdem eine der erdbebengefährdetsten Regionen Russlands, über ein Dutzend Beben wurden in den letzten zehn Jahren in der Region registriert, bei denen Teile des Seebodens bis zu 15 Meter tief absackten (!).
Die Problemstellung
Der russische Monopolist für den Bau von Pipelines, das staatlich kontrollierte Unternehmen Transneft, plant eine Ölleitung von den ostsibirischen Ölfeldern bis zu den russischen Häfen am Pazifik, zu den lukrativen Märkten der energie- und ölhungrigen Industriestaaten Asiens; der Volksrepublik China, Japan und Südkorea.
Die ca. 4200 km lange Pipeline, die ihre ca. 800 Millionen Tonnen Rohöl über eine Strecke von mehr als 100 km am nördlichen Ufer des Baikalsees entlang transportieren soll, überquert dabei mehr als 130 Flüsse, die in den See münden. Dabei ist sie selbst meist nicht einmal einen Kilometer von ihm entfernt.
Im Falle eines erdbebenbedingten Bruchs der Leitung könnten mehr als 4000 Tonnen Rohöl in den See laufen, innerhalb von zwanzig Minuten hätte es seine Ufer erreicht, so dass ein derartiges Unglück nicht einmal aufzuhalten wäre. Ein großer Teil des Baikalsees würde mit einem Ölfilm überzogen werden und die meisten wassersäubernden Lebewesen des Sees würden absterben. Das von manchen Anwohnern als „Paradies“ bezeichnete Gebiet würde zu einer Art biologischem Tschernobyl, das auf Jahrzehnte verseucht wäre.
Eine veränderte Streckenleitung weit vom Baikalsee entfernt lehnte Transneft jedoch ab; sie würde mehr als 900 Millionen US-Dollar zusätzlich kosten und den Bau um von zwei Jahren auf die doppelte Dauer verlangsamen. In einer Erklärung heißt es, dass man dreimal dickwandigere Rohre verlegen würde als normal (35mm statt 9mm). Eine derartige Maßnahme könnte die Katastrophe bei einem Erdbeben, einem Terroranschlag oder einfach menschlichem Versagen jedoch nicht verhindern.
Dabei besteht auch eine große Gefahr für die Bevölkerung der Region, die ihr Trinkwasser aus dem See und seinen Zuflüssen bezieht.
Ungereimtheiten und Skandale
Schon bei der Planung dieses mehr als 16 Milliarden US-Dollar schweren Großprojektes kam es zu einigen Ungereimtheiten:
Eine einberufene Expertenkommission stimmte nach einer intensiven Untersuchung der Pläne und naturräumlichen Gegebenheiten zuerst mehrheitlich gegen einen Bau der Leitung am Baikalsee entlang und stellte den Plänen eine „große potenzielle Gefahr für den See“ aus.
Daraufhin wurde die Kommission mit weiteren 34 neuen Experten „verstärkt“, die jedoch teilweise gar nicht fachlich kompetent waren; so wurden unter anderem auch Kernphysiker in den Ausschuss beordert, welche für die gegebene Aufgabenstellung völlig unnötig waren.
Teile der Kommission, die bei der ersten Abstimmung schon gegen den Bau gestimmt hatten, wurden bei ihrer Arbeit behindert und teilweise gar nicht mehr von wichtigen Meetings in Kenntnis gesetzt. Man brachte etliche Kritiker durch Drohungen zum Schweigen. Einer von ihnen, Genadi Chegasnov, wurde vor einer Pressekonferenz zu diesem Thema angerufen: „Denke vorsichtig darüber nach was du sagst“, drohte die anonyme Stimme am Telefon.
Bei der Endabstimmung der Kommission waren nur 60 der 86 Mitglieder anwesend, viele besaßen nicht einmal ein Rederecht und so wurde dem Bau der Pipeline letztendlich zugestimmt.
Man begann angeblich schon 2005 illegal mit dem Bau der Pipeline, nachdem man zwei Jahre zuvor Vorschläge zur Änderung der Strecke [weit entfernt vom Baikalsee] vom Ministerium für natürliche Ressourcen einfach abgelehnt hatte und die zuständige Bezirksregierung gar nicht erst von den Plänen in Kenntnis setzte.
Auch verweigerte man Naturschutzgruppen eine Einsicht in die Projektunterlagen, besonders in die Umweltverträglichkeitsprüfung und verletzte damit klar die Vereinbarungen zum Schutz von Weltkultur- und Weltnaturerben der UNESCO .
Genauso ist der Staat Russland für die Einhaltung dieses Vertrages verantwortlich und macht sich schuldig, sofern er Transneft nicht zur Einhaltung dieses Abkommens bewegt.
Doch der höchste russische Gerichtshof wies eine Klage von Umweltschutzverbänden und Privatpersonen Mitte März dieses Jahres zurück. Dabei sind diese gar nicht gegen das Projekt an sich, sondern nur gegen die Streckenführung: „Wir sind nicht gegen die Pipeline, und wir erkennen den wirtschaftlichen Nutzen welchen sie Russland bringen kann, an. Aber wir wollen sie weg von den Wassern des Baikalsees.“ sagte Roman Vazhenkoy, Leiter der Baikalsee-Kampagne von Greenpeace.
Eine ähnlich Meinung vertritt Kirill Lewi, ein russischer Geophysiker: „Ein Land muss seine Wirtschaft entwickeln und kann nicht auf jeden Grashalm Rücksicht nehmen. Doch was unser Staat jetzt vorhat, ist eine Vergewaltigung der Natur.“
Der Vizepräsiedent von Transnet, Sergei Grigoryey, teilte Interfax mit: „Es ist ein High-Tech – Projekt und Unfälle dort sind einfach unmöglich“. Eine ähnliche Aussage machte man 1912 beim Auslaufen der Titanic ebenfalls…
Eventuelle Risiken seien so gering wie möglich gehalten worden, und man könne schnell auf Unfälle reagieren. Eine Reihe von Unfällen in der letzten Zeit lässt aber eher daran zweifeln, so sind bei einem Pipelinebruch in der Region Udmurtia 32 000 Tonnen Öl ausgelaufen und verseuchten das Trinkwasser, bevor der Konzern endlich reagierte. Auch andere Krisenreaktionen waren zu langsam, um vor größerem Schaden zu bewahren.
Fazit
In erster Linie geht es um knallharte wirtschaftliche Interessen: Transneft hat angeblich schon Verträge mit chinesischen Gas- und Ölgesellschaften abgeschlossen und deshalb wird es auch auf Grund der immer größer werdenden nationalen und internationalen Proteste wohl zu keiner Kehrtwende kommen: Zu wichtig ist das Projekt für den Konzern und den Staat Russland, zudem auch Prestigeobjekt und Zeichen des neuen wirtschaftlichen Aufstiegs des Landes. Europa wird auf Grund der eigenen Abhängigkeit von russischen Öl- und Gaslieferungen keine große Kritik äußern, ebenso Asien nicht, welches von diesem Projekt wirtschaftlich nur profitieren kann.
Wieder einmal ist Profit wichtiger als Umwelt und Nachhaltigkeit. So babylonisch wir mit der kostbaren Ressource Trinkwasser umzugehen, ganze Ökosysteme vorsätzlich der potenziellen Zerstörung auszusetzen, grenzt es fast an Blasphemie. Doch wir Menschen verbauen uns sogar noch weiter und weiter unser Anrecht auf Existenz auf diesem Planeten, bauen uns unsere eigenen Sprengsätze, schaufeln uns unser eigenes Grab.
Wahrhaftig, es gibt vielleicht keine Spezies auf der Welt, die so nach Wissen strebt wie die unsrige. Doch Wissen ist nicht Weisheit. Und so wissen wir nicht das, was wir unser Zuhause nennen sollten, mit Weisheit zu schützen, im Gegenteil, wir zerstören es, Tag für Tag.
Weiterführende Links:
Unesco Weltnaturerbe: Baikalsee
Informationen zum Baikalsee
Organisationen zum Schutz des Baikalsees, mit Links zu weiteren Organisationen

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