Rumsfelds Opfer

Während sich die Regierungsbildung im Irak weiter verzögert und in der internationalen Presse über den US- Masterplan spekuliert wird, fordern mehrere namhafte Ex- Generäle den Rücktritt des US- Verteidigungsministers.

Sechs hochrangige pensionierte Offiziere der US- Armee, die aktiv im Irak- Krieg Truppen befehligten, doch nun keinem öffentlichem Schweigegebot mehr unterliegen, haben in den vergangenen Tagen schwere Vorwürfe gegen den US- Verteidigungsminister erhoben, die von der grundsätzlichen Unzulänglichkeit, anderslautende Meinungen zur Kenntnis zu nehmen, bis hin zur Verweigerung zusätzlicher Truppen in kritischen Phasen des jüngsten Irak- Krieges reichen. Den aktiv dienenden hohen Militärs würden bei entsprechenden Kritikäußerungen dienstliche Konsequenzen drohen, weswegen Beobachter der Vorgänge in Washington davon ausgehen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der aktuell im Irak stationierten Offiziere den Unmut der Ex- Generäle teilen.
Die Vorwürfe gingen von den pensionierten Generälen Maj. Gen. Eaton, Gen. Zinni, Lt. Gen. Newbold, Maj. Gen. Batiste, Maj. Gen. Riggs und Maj. Gen. Swannack aus, denen sich am 15. April Lt. Gen. Paul van Riper anschloss: „Ich bewundere diejenigen, die vorgetreten sind und ich stimme den Argumenten, die sie gemacht haben, zu.“
Das Verteidgungsministerium reagierte mit der Verkündung, Rumsfeld sei keineswegs taub gegenüber abweichenden Meinungen und habe sich insgesamt 139 Mal seit Januar 2005 mit seinen Stabschefs getroffen.
Exkurs: Anthony Zinni
Insbesondere der vier- Sterne- General Anthony Zinni, der vor kurzem mit „The Battle For Peace“ sein zweites Buch über die US- Außenpolitik vorstellte, ist inzwischen größeren Teilen der US- amerikanischen Öffentlichkeit bekannt, nicht zuletzt durch Fernsehauftritte in Sendungen wie der „Daily Show“, aber auch durch seine Tätigkeit als Co- Autor für den New York Times- Bestseller „Battle Ready“, der 2004 erschienen ist.
Zinni ist zudem bei MIC Industries für Internationale Operationen verantwortlich und Mitglied beim CFR, auf dessen Veranstaltungen er u.a. schon über die „Gefahren und Herausforderungen für die nächste Administration im Mittleren Osten und Südasien“ referierte.
Im Jahr 2000 gehörte Zinni bemerkenswerterweise zu den US Militärs, welche den Irak als die größte Gefahr für die US- amerikanischen Interessen in der Golfregion bezeichneten und öffentlich vermuteten, dass der Irak – trotz aller Indizien – „wahrscheinlich heimlich Atomwaffenforschung weiterführt, Vorräte biologischer und chemischer Waffen lagert und Langstrecken- SCUD- Raketen verbirgt, die wahrscheinlich mit CBW [chemisch- biologischen Waffen]- Sprengköpfen bestückt sind.“
Die Kritikpunkte, welche Zinni in seinen Büchern vorbringt, sind durchaus ernstzunehmen, und aus der ideologisch abgesicherten Perspektive eines US- Militärs vorgetragen, der sich der konkreten Umsetzung annimmt. Doch wenn Zinni nun bspw. bekundet, dass die angeblichen Gründe für einen Kriegseinsatz, die er selbst damals herausgestellt hat, eindeutig für die Öffentlichkeit erfunden wurden, muss man sich zumindest fragen, wie es zu den Aussagen von 2000 kommen konnte.
Ein Geläuterter? Abtrünniger? Oder ist das Verhalten des ehemaligen CENTCOM- Kommandeurs nur ein Puzzlestück in einem wirklich originellen Masterplan?
Chor der Kritiker ohne Resonanz
Der Demokrat und US-Gouverneur Bill Richardson, der angeblich als möglicher Präsidentschaftskandidat für das Wahljahr 2008 gehandelt wird, unterstützte die Kritik an Rumsfeld: „Die alltägliche Gewalt im Irak und unsere Unfähigkeit, eine Regierungsbildung zu unterstützen, zeigen das Ausmaß des Versagens und schaden unseren Zielen im Nahen Osten,“ äußerte Richardson und identifizierte den Verteidigungsminister als Verantwortlichen: „Er hat uns in diesen Sumpf geführt.“
Und auch der frühere Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark schloss sich der vielstimmigen Kritik an: „Er hat schlechte politische Entscheidungen getroffen. Es ist Zeit für eine neue Führung“, sagte er in einem Interview mit dem US- amerikanischen TV- Sender Fox News.
Zu diesen öffentlichen Vorwürfen wurden vergangenes Wochenende in den US- amerikanischen Medien Berichte laut, Rumsfeld hätte die Misshandlung Gefangener im US- Lager „Camp Delta“ in der Guantánamo Bucht persönlich genehmigt.
Donald Rumsfeld wollte bereits zwei Mal seit Beginn der Irak-Invasion seinen Stuhl räumen, wurde jedoch in beiden Fällen regierungsintern überzeugt, weiter zu machen – angeblich, weil ein solcher Rücktritt einem Eingeständnis seines politischen Scheiterns – und somit auch der Umsetzung der Irak- Invasion – gleich kommen würde.
US- Präsident Bush sprach Rumsfeld erwartungsgemäß ein weiteres Mal seine Unterstützung aus:
„[…] ich bin der Entscheider und ich entscheide, was das Beste ist, und das Beste ist, dass Don Rumsfeld Verteidigungsminister bleibt.“
„No hearts-and-minds winnning tool“
Aus dem britischen Militär wurden unterdessen Stimmen laut, die den US- amerikanischen Generälen im Irak Verhaltensweisen vorwarfen, welche an „Hollywood- Helden“ erinnern würden: „Amerikanische Generäle im Dienst im Irak verbringen zu viel Zeit damit, wie die Hollywood- Helden John Wayne oder Sylvester Stallone aufzutreten,“ äußerste ein britischer Offizier im Rahmen einer akademischen Untersuchung. Während es zu Hause gut im Fernsehen wirken mag, seien „laute Stimmen, volle Körperpanzerung, Wrap-Around- Sonnenbrillen, Luftangriffe und tägliche Übertragungen von Schulterhalfter- tragenden Brigadegenerälen, die stolz verkünden, wie viele Iraker heute von US- Kräften getötet wurden“ kein gutes Vorgehen, um die Sympathien der Iraker zu gewinnen.

2 Kommentare

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Laokoon
19. April 2006 um 21:48

Man weiß gar nicht so recht…ob es so ist wie Rumsfeld zur Zeit dargestellt
wird oder er langsam als Bauernopfer auserkoren wird. Vielleicht beides.
_“(…)ich bin der Entscheider und ich entscheide, was das Beste ist (…)“_
– den Satz lasse ich mir unkommentiert auf der Zunge zergehen 😉
Schöner Text, viele Grüße, Laokoon

Blog der Ask1-Redaktion
2. Mai 2006 um 06:43

Terror und Gewalt im Irak scheinen trotz vielfältiger Bemühungen von politischer und religiöser Seite nicht abzubrechen. Staatspräsident Talabani, der sich vor kurzem mit den Führern von sieben bewaffneten Gruppierungen getroffen hatte, zeigte sich jedo

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