NDR Panorama produziert TV Beitrag zu Computerspielen der vor Fehlern strotzt

Wer am 22.2.07 das "Vergnügen" hatte sich das TV-Politmagazin Panorama in der ARD anzusehen mußte sich verwundert die Augen reiben. Jedenfalls, falls man als Zuschauer etwas von Computerspielen versteht. So begann der Beitrag bereits mit einem Titel der auf die Stoßrichtung hindeutete: "Morden und Foltern als Freizeitspaß – Killerspiele im Internet".
Schon der Titel des ersten vorgestellten Spiels wurde falsch übersetzt: "Call of Duty" = Einsatzbefehl. Besser wäre natürlich "Ruf der Pflicht" oder schlicht: Die Pflicht ruft. Ein erster Fehler bereits nach Sekunden – ein Fehler von vielen.

Auch wird der Charakter des Spiels völlig falsch dargestellt, so könnte man, kennt man das Spiel nicht und vertraut man dem Kommentar, davon ausgehen das es darum geht möglichst viele "Menschen" zu töten. Diese Annahme ist jedoch völlig falsch. Kaum ein Spiel zeigt die Grauen des 2. Weltkrieges auf derartig dramatische und abschreckende Weise. Ein Beispiel: Als es darum geht als sowjetischer Soldat um Stalingrad zu kämpfen, erhält man am Anfang nicht einmal eine Waffe. Tatsächlich wurden Soldaten teilweise ohne Bewaffnung in den Kampf geschickt weil es schlichtweg Versorgungsprobleme gab.

In der Einzelspieler Kampagne kann man übrigens nicht auf Seiten der Deutschen kämpfen, nur auf Seite der Alliierten. Erst im Mehrspielermodus kann man auch Deutsche als Soldaten wählen, natürlich gibt es auch den oft gescholtenen "Death Match" Modus (Jeder gegen Jeden). Das es hier natürlich zu höchst "bizarren" (für Außenstehende) Situationen kommt, man also als "Deutscher Soldat" auf "Deutsche Soldaten" schießen kann, wurde natürlich nicht erwähnt. Eine detaillierte Beschreibung des Spiels findet man auch hier.

Natürlich trat auch bald ein erster "Experte" auf. Bert Weingarten von Hamburger Unternehmen "PanAmp". Der "Experte" ist ein umtriebiger Mensch. Wann immer es um "Gefahren" im Internet geht, Weingarten ist zur Stelle. Bombenbauanleitungen, Terrorbotschaften, Killerspiele. Er ist ein freundlicher und Auskunftsfreudiger Geschäftsmann. Man findet auf den Seiten von PanAmp diverse Pressemitteilungen. So etwa von 25.01.07, "Im Auftrag einer öffentlich rechtlichen Sendeanstalt, wurde die Online-Nutzung von Killerspielen in Europa analysiert." Da die Firma und der NDR geographisch nah zusammenliegen, gehe ich davon aus das diese Anstalt damit gemeint war. Panorama wird beim NDR produziert, da war es natürlich bequem, den "Experten" zum Interview zu bitten. Sucht man etwas weiter auf den Seiten von "PanAmp", etwa im Shop, findet man auch gleich Filter (Zensur) Produkte um den Zugriff auf Spiele und andere "böse Dinge" im Internet zu sperren. Weingartens Firma wäre als im Falle eines Verbotes vorbereitet, entsprechende Produkte zum zensieren zu liefern. Zwar hat man seine Produkte nicht erwähnt, ein besonderes "Gschmäckle" hat der Auftritt von Weingarten aber schon. Zuerst eine mehrmonatige "Studie", dann der Auftritt beim Politmagazin Panorama während online bereits die ensprechenden Produkte verkauft werden.

Dann dürfen auch nicht die üblichen Behauptungen nicht fehlen: So werden Spieler gerne mit Nazis gleich gesetzt, weil es z.B. möglich ist, sich Modifikationen im Internet herunterzuladen, die die Spielfiguren als Waffen-SS Soldaten zeigen. Doch so ist das nun einmal mit Software, besonders bei Spielesoftware: Es sind Daten und die lassen sich verändern. Solche Modifikationen lassen sich bei fast jedem Spiel leicht vornehmen. Selbst bei dem harmlosen "Spiel" Second Life, das mit Medienpräsenz gesegnet ist, ist es ein leichtes "Nazi" Material unterzubringen.

Was Weingarten nicht sagt, und auch der Bericht nicht erhellt ist die Tatsache, das die einzelnen Serverbetreiber durchaus die Möglichkeit haben Spieler auszuschließen, die mit entsprechenden Symbolen bestückte Figuren einsetzen wollen.

Danach blendet der Bericht auf eine Szene aus einem der "Grand Theft Auto" Spiele. Der Spieler greift eine Frau von hinten an und schneidet ihr die Kehle durch. Nur, das ist überhaupt kein Spielziel. Es ist zwar möglich, weil es auch im echten Leben möglich ist und hier eine Simulation stattfindet, jedoch handelt man sich, wie im echten Leben auch, Ärger ein. Die Passanten fangen nämlich an zu schreien und laufen weg. Der Fahndungsdruck durch die Polizei steigt. Wird man von der Polizei geschnappt, verliert man alle Waffen und viel Geld. Solch dummes Verhalten bringt einem dem Ende des Spiels keinen Schritt näher. Außerdem wird hier offenbar die US Version des Spiels gezeigt, die deutsche Version ist bereits zensiert. Danach zeigt man offenbar Szenen aus dem Spiel "Der Pate", übrigens genau wie die anderen Spiele "Ab 18" frei gegeben. Ich frage mich, ob man auch die Filmklassiker verbieten will, wenn hier das Spiel, das sich eng an den Film hält, so verteufelt wird?

Sofort danach eine ganz grobe Lüge. Es wird wieder eine Szene aus GTA gezeigt, mit der Behauptung, es sein ein ganz anderes Spiel in dem es darum geht, möglichst viele Frauen zu vergewaltigen. Eine totale Falschbehauptung. Die Details findet man bereits seit längerer Zeit bei Wikipedia. In Kurzform: Es ist eine Modifikation die willentlichen Sex zeigt. Den Sex mit den Freundinnen muß man sich als Spieler hart erarbeiten, indem man nett ist. In der Handelsversion wird man zum Kaffee eingeladen, dann blendet das Spiel aus. Die Modifikation blendet nicht aus. Man sieht voll angezogene Pixelfiguren beim turnen. Selbst "Leisure Suit Larry" war da "schärfer".

Selbstverständlich folgen danach noch weitere übliche Verdächtige, Beamte des bayerischen LKA etwa, und der unermüdliche Günter Beckstein. Der Tenor ist der gleiche: Verbieten, verbieten, verbieten. Natürlich taucht auch der Innenminister von Niedersachsen, Uwe Schünemann, auf und gibt wie immer seine unqualifizierte Meinung ab. Unqualifiziert deshalb, weil er offenbar keine Ahnung hat von was er da spricht. Übrigens ist Schünemann Mitglied in einem Schützenverein. Hätte ich eine derartig eingeschränkte Weltsicht wie er und Beckstein, ich müsste wohl für seine Inhaftierung plädieren. Schließlich wird im Schützenverein ganz real mit echten Waffen geschossen. Dort lernt man das Zielen und Schießen ganz real, ohne Maus und PC.

Mich erinnert diese Debatte an vergangene Zeiten, als wir Spieler noch mit C64 und Amiga spielten. Auch damals gab es bereits diese Diskussionen und Behauptungen, die Spiele hießen "Commando" oder "Ikari Warrior". Wer herzlich lachen will findet die Spiele bestimmt im Netz und kann diese per Emulator zum laufen bringen. Heute gelten diese Spiele als Kunstwerke einer vergangenen Epoche, es gibt "Retrofans" und Webseiten die sich nur mit den alten Spielen beschäftigen. Jüngere Leser würden wohl beim betrachten dieser alten Spiele den Kopf schütteln und sich fragen warum man sich hier aufregen konnte.

Auch die Erinnerung an die eigene Jugend läßt mich hier den Kopf schütteln. Wir haben grausamste Schlachten mit Wasserbomben geschlagen. Wir haben uns mit Faschingspistolen stundenlang beschossen, feindliche Indianer in unserem Camp gefesselt und gemein gefoltert (gekitzelt). Es gab stundenlange Diskussionen wer jetzt wen getroffen hat, die den "Peng Peng" Pistolen hinterliessen eben keine Spuren. Heute spielt man das eben am Computer, ich weis wann ein Treffer erfolgreich war und wann nicht. Die Diskussion um diese Spiele ist völlig bizarr und verlogen und zielt nur auf eines ab: Zensur und Kontrolle des Internet.

3 Kommentare

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holo@ask1.org
24. Februar 2007 um 23:58

Jahrelang habe ich leidenschaftlich gerne Rennsimulationen gespielt – trotzdem hat es lange gedauert, bis ich der Ansicht war, einen Führerschein erlangen zu wollen.
Das Spiel F/A 18 Interceptor liebte ich gleichfalls – Landungen auf dem Flugzeugträger, Luftkampf mit feindlichen MiGs … dennoch verspürte ich nicht die Lust, in einem echten Flugzeug zu fliegen.
Erst meine Erfahrungen in einem „richtigen“ Flugsimulator ließen in mir den Wunsch aufkommen, ein Flugzeug zu steuern – sachte mit einer Cessna beginnend und gerne danach einen Jet.
Punkte in Flensburg habe ich keine – dennoch bin ich durch den Kartsport „geprägt“: Kurven, Serpentinen und Glatteis lassen mich die Freude am Fahren erleben.
Wie ist es mit Ego-Shootern? Eine reine Simulation erweckt allenfalls den Ehrgeiz, einen Punktestand oder ein neues Level zu erreichen. Würde ich, wie ein Uwe Schünemann, aktiv jagen, kann ich mir eher vorstellen, einen Jagdinstinkt in mir zu wecken.
Fazit: Neben dem willkürlichen Abschießen von Flugzeugen und dem Fahren durch Stadtgebiete zwecks Erzielung einer Höchstgeschwindigkeit gehört auch das Jagen verboten.
Denn die praktische Erfahrung lebewesenverachtender Tätigkeiten, wie das Jagen oder ein Kampftraining für Wehrpflichtige lassen den Menschen die Emotionen erst richtig erfahren und Hemmschwellen schwinden.
Es wäre auch so mancher Amoklauf nicht möglich gewesen, gäbe es nicht jene Hobbyjäger, die ihre Büchsen im heimischen Panzerschrank bereit hielten.
Und wenn wir schon dabei sind: Die öffentliche Verbreitung diskriminierender Schriften sollte ausreichen, NDR, ARD und die Akteure des Berichtes nach StGB § 130 (1) 2. vor Gericht zu stellen. Wünschen kann ich es mir – so bestünde Hoffnung, dass das Volk von den geistigen Blähungen mancher Politiker oder Internetdienstleister verschont bliebe.

dkR
25. Februar 2007 um 12:26

Allein schon der Satz „Familienväter, Schüler, Nazis“ disqualifiert die gesamte Reportage. Aber die letzte fast schon legendäre Reportage von Frontal21 zum Thema war auch nicht besser.
Wie läßt sich das Senden von Spielszenen aus USK18-Spielen vor 24Uhr mit dem Jugendschutz vereinbaren?

Ecki
25. Februar 2007 um 19:37

Es ist halt einfach, sich auf eine gesellschaftliche Gruppe einzuschiessen, die keine Lobby hinter sich hat wie eben Spieler.
Das diese Spiele eigentlich schon längst verboten sind, nämlich für jeden unter 18 Jahren, wird von den Polemikern Politikern gern übersehen. Genau wie beim Alkohol und bei den Zigaretten.
Strengere Verkaufskontrollen wären prima, denn für Kinder sind diese Art Spiele (wie eben auch Alkohol und Zigaretten) nichts.

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