Zivile Opfer und lokaler Widerstand in Afghanistan

Fünf Jahre nach der Vertreibung des Taliban-Regimes aus Kabul ist die Lage am Hindukusch alles andere als stabil. Die Opferzahlen unter Zivilisten nehmen weiter zu, und längst hat sich Unmut in der Bevölkerung breit gemacht. Unschuldige geraten zwischen OEF-Truppen und Taliban ins Kreuzfeuer oder werden bei Bombenangriffen auf vermeintliche Verstecke als Kollateralschäden geopfert. Doch während in Kabul bereits über einen Waffenstillstand mit den Taliban und Abzugspläne für die internationalen Truppen beraten wird, scheint man sich in Brüssel eher um die Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern.

Von der Hausdurchsuchung zum Luftschlag
„Die NATO kam regelmäßig, wie auch die afghanische Armee und Polizei, und wir kooperierten mit ihnen. Aber als die Amerikaner ohne Erlaubnis kamen, und sie kamen mehr als einmal, störten sie die Menschen. Sie durchsuchten die Häuser, und beim zweiten Mal verhafteten sie Leute, und beim dritten Mal wurden die Menschen wütend und wehrten sich.“
So äußerte sich der Bauer Muhammad Alef über Vorgänge im afghanischen Bezirk Shindand, die schließlich zur Bombadierung eines Dorfes und zum Tod von 57 Zivilisten, darunter 17 Kinder unter 10 Jahren, 10 Frauen und 14 alte Männer, führten. Die Dorfbewohner hatten „die Amerikaner“ in der Nähe auffahren sehen und sich in ihren Häusern gesammelt, doch anstelle einer weiteren direkten Konfrontation mit den inzwischen unkooperativ gewordenen Afghanen hatte die US-Armee tatsächlich einen Luftschlag angeordnet.
Angefangen mit der New York Times, die vergangenes Wochenende einen ausführlichen Artikel zur Situation in Afghanistan unter dem Titel „Zivile Opfer unterminieren den Krieg der Alliierten gegen die Taliban“ veröffentlichte, wurden die Berichte über hohe zivile Opferzahlen in Afghanistan zumindest von einem Teil der internationalen Presse aufgegriffen. Starker Tobak, sowohl für die USA, die schon allein mit dem Irak an der außenpolitischen Heimatfront mehr als genug zu tun haben, als auch für jene europäischen Länder, die wie Deutschland in der ein oder anderen Form in Afghanistan engagiert sind.
Auch auf den Internetseiten der Tagesschau wird inzwischen unter der Überschrift „Zivile Opfer in Afghanistan: Die Wut wächst“ unter anderem über die Bombadierung von Zivilisten im Bezirk Shindand berichtet:
„Hamid Karsai wagt sich in die Höhle des Löwen. An diesem Mittwoch besucht der afghanische Präsident den Bezirk Shindand in der westlichen Provinz Herat. Ende April starben durch eine US-Militäroperation hier mehr als 50 Zivilisten, nahezu die Hälfte von ihnen Frauen und Kinder. Die Dorfbewohner hatten offenbar gegen Hausdurchsuchungen der Amerikaner revoltiert. Karsai reagierte auf das Blutbad mit Wut. Zivile Opfer seien nicht länger hinnehmbar, schimpfte er und forderte mehr Vorsicht der westlichen Truppen. Denn Shindand war zwar einer der schwersten, längst aber nicht der einzige Vorfall dieser Art. Mehr als 130 Zivilisten starben bei westlichen Militäroperationen seit März – niedrig geschätzt.“
Gleichzeitig war in den letzten Tagen immer wieder von Erfolgen zu lesen, ohne dass Zivilisten überhaupt Erwähnung in den entsprechenden Artikeln gefunden hätten: vergangenes Wochenende wurde zunächst u.a. Taliban-Militärchef und „Osama-bin-Laden-Vertraute[r]“ Mullah Dadullah bei Gefechten im Süden Afghanistans getötet; einen Tag später wurde verkündet, dass 60 „Talibankämpfer“ bei einem Luftangriff auf drei Dörfer getötet wurden. In beiden Fällen scheint es keine zivilen Opfer gegeben zu haben – auch wenn sich bei so manchem Artikel zum zweiten Vorfall im Volltext ein „mutmaßlich“ vor die „Talibankämpfer“ geschlichen hat.
Identifikationsschwierigkeiten
Konkrete Angaben zu „Kollateralschäden“ von Kriegseinsätzen sind grundsätzlich mit Vorsicht zu bewerten, und umso problematischer, je stärker sich die Angaben durch Militär und Zivilisten voneinander unterscheiden. Nicht selten werden jedoch zivile Opfer in den Darstellung der Verantwortlichen vollständig ignoriert, was wiederum auffällig wird, wenn gegensätzliche Darstellung von offizieller Seite existieren:
„Nach Angaben des Gouverneurs der Provinz Helmand kamen bei Flugzeugangriffen der US-geführten Koalitionstruppen vor drei Tagen mindestens 21 Zivilisten, unter ihnen Frauen und Kinder, ums Leben.
Ein Sprecher des US-Militärs in Kabul sprach dagegen von einer „großen Anzahl an Rebellen“, die bei den Gefechten getötet worden sein, aber keine Zivilisten. Anwohner berichteten indes von weit mehr Opfern.“

Insbesondere bei Luftschlägen werden häufig Zivilisten getötet, die „zwischen die Fronten“ geraten – also bspw. in Dörfern wohnen, in denen sich Taliban verstecken oder zumindest vermutet werden.
Mit derartigen Aktionen verspielt das US-Militär auf Dauer nicht nur den eigenen Kredit bei den wohlgesinnten Teilen der Bevölkerung, sondern auch den der afghanischen Regierung. Zudem riskiert man bei Bekanntwerden der „Kollateralschäden“ eine Identifikation derselben mit dem Einsatz der NATO, was die Unterstützung durch die Bevölkerung beteiligter Staaten gefährden könnte. Doch auch über die Soldaten der NATO selbst gab es Beschwerden, bspw. wurden mehrfach Zivilisten beschossen, die zu nahe an Militärkonvois heranfuhren. Kanadische Truppen haben wiederholt Zivilisten während Patrouillengängen verwundet bzw. getötet, britische Soldaten fuhren nach einem Bombenanschlag auf Zivilisten schießend durch Kandahar.
UN-Sprecher Dan McNorton vermutet, dass es für die Duldung der internationalen Truppen ohnehin nicht entscheidend sei, aus welchem Land die für derartige Aktionen verantwortlichen Soldaten kommen und unter welchem Kommando sie stehen:
„Die afghanische Bevölkerung unterscheidet nicht, wer diese Operationen durchführt, wie einige von uns internationalen Kräften das tun.“
Vergangenen Mittwoch wurde schließlich in Brüssel auf höchster NATO-Ebene über die Situation der Zivilbevölkerung in umkämpften Gebieten Afghanistans diskutiert. Der NY Times zufolge berichteten Teilnehmer jedoch, dass es weniger um die Reduzierung von zivilen Opfern, sondern vielmehr um die Frage ging, wie man die zahlreichen „Kollateralschäden“ den europäischen Regierungen und Bürgern vermittelt.
Die Erklärungsarbeit ist offenbar mit Anfangsschwierigkeiten behaftet, denn jüngst geisterte die Empörung von Verteidigungsminister Franz Josef Jung durch die deutsche Medienwelt, der zwar die internationale Schutztruppe (ISAF) verteidigte, jedoch die Vorgehensweise von US-Truppen im Rahmen der Anti-Terror-Mission „Operation Enduring Freedom“ (OEF) vergleichsweise scharf kritisierte:
„Ich glaube, dass wir, wenn wir die Bevölkerung gegen uns aufbringen, nicht das Ziel erreichen, erfolgreich zu sein.“
In der afghanischen Zivilbevölkerung wird die Ablehnung ausländischer Streitkräfte offenbar kontinuierlich größer, wovon nicht zuletzt die zunehmende Anzahl entsprechender Demonstrationen zeugt. Inzwischen sah sich auch die politische Führung in Kabul genötigt, über Abzugspläne zu beratschlagen. Am 8. Mai wurde im Senat ein Gesetzesentwurf angenommen, der drei zentrale Punkte enthält:
– Beginn von Verhandlungen mit den Taliban
– Waffenstillstand
– Zeitplan für den Abzug internationaler Streitkräfte
Der Entwurf muss zunächst noch im Unterhaus und von Präsident Karzai angenommen werden.
Private Sicherheitsfirmen unterrichten afghanische Polizei
Die Ausbildung der staatlichen Sicherheitskräfte, die zuvor von deutschen Polizisten erledigt wurde, hat inzwischen die für ihre Arbeit im Irak bekannte Firma DynCorp International übernommen. Drei Jahre hätten die Deutschen in Afghanistan bei der Ausbildung der Polizei verschwendet, Trainigskurse dauerten zu lange und umfassten zu wenige Teilnehmer. Nun wurde die Ausbildung auf Schnellkurse umgestellt, die in den letzten Monaten bereits 40.000 Afghanen durchleben durften. Die DynCorp-Mitarbeiter verdienen 250 US-Dollar täglich, etwa 20% weniger als im Irak – und mehr als der dreifache Monatsverdienst eines afghanischen Rekruten. Da überrascht es auch nicht, dass viele Afghanen nach dem Schnellkurs bei privaten Sicherheitsfirmen einsteigen.
Zwei in Kundus stationierte deutsche Polizisten haben das Unterrichtsmaterial von DynCorp untersucht und festgestellt, dass es sich um eine militärische Ausbildung handelt. Nicht beigebracht werde den zukünftigen Polizisten (bzw. zukünftigen privaten Sicherheitskräften) etwa das afghanische Polizeigesetz, wann und mit welchen Mitteln eingegriffen werden dürfe oder auch demokratische Grundsätze der Polizeiarbeit.

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