Krieg am Kaukasus?

Schon vor dem Zusammenbruch des russischen Sowjetimperiums hielten Spannungen zwischen den beiden Unionsrepubliken Armenien und Aserbaidschan das Politbüro in Moskau auf Trab. Nun droht zwischen beiden Staaten ein offener Krieg um eine aserbaidschanische Region, die sich 1991 zur unabhängigen „Republik Bergkarabach“ ausrief und den Anschluss an Armenien anstrebt. Politiker beider Seiten beschwören Stahlgewitter – oder doch nur weiter heiße Luft?Ursprung und Verschärfung des Konfliktes
Nachdem die christlich armenische Bevölkerungsmehrheit im Zuge der Arabischen Expansion von muslimischen Völkern ab dem 8. Jahrhundert mehr und mehr verdrängt wurde und sich die letzten armenischen Khanate zu Anfang des 19. Jahrhunderts unter den Schutz des russischen Zarenreiches stellten, setzte ein Strom zahlreicher armenischer Siedler in die Region ein. Der Konflikt hat somit nicht nur ethnische, sondern auch religiöse Wurzeln, da die pro-christliche Imperial- und Kulturpolitik des Zarenreiches den Graben zwischen christlichen Armeniern und den auf dem Kaukasus lebenden islamischen Völkern immer mehr vertiefte.
Auch später, als Teil der Sowjetunion, blieben die Spannungen – wenn auch zeitweise unauffällig – weiter erhalten. Doch 1988 brach dieser schwelende Vulkan zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder aus: In der aserbaidschanischen Stadt Sumqayıt kam es zu blutigen Pogromen gegen die dortigen Armenier – wer nicht fliehen konnte, wurde erschossen oder niedergeknüppelt. Beide Unionsrepubliken verwiesen darauf zahlreiche Menschen der jeweilig anderen Staatszugehörigkeit des Landes, es kam zu einigen Grenzkonflikten und nationalistischen Bestrebungen in Armenien und Aserbaidschan, sich von Russland zu lösen. Moskau reagierte und verhängte den Ausnahmezustand über weite Teile des Kaukasusgebietes, die russische Armee befriedete die Region mit einem Großaufgebot an Truppenpräsenz. Doch es sollte keine endgültige Ruhe einkehren.
1992 gelang es schließlich den Truppen der selbsternannten Republik Bergkarabach mit Hilfe russischer Verbände, die Oberhand über die angestrebten Gebiete zu gewinnen.
Es kam zu zahlreichen ethnischen Säuberungen auf beiden Seiten, so unter anderem zum traurigen Massaker von Xocalı, bei dem nach offiziellen Angaben Aserbaidschans mindestens 613 Personen getötet und zahlreiche Personen verstümmelt und gefoltert wurden.
Seit dem Waffenstillstand von 1994 kontrollierten die Militärverbände Bergkarabachs zusammen mit regulären Einheiten der Armenischen Armee ca. 20 % Aserbaidschans – nicht nur die umkämpfte Region – sondern auch einen breiten Korridor, der sie mit Armenien verbindet.
Auch wenn es 2001 im US-amerikanischen Key West durch internationale Vermittler zu einer zwischenzeitlichen Annäherung beider Staaten kam, konnte sich die Situation nicht dauerhaft stabilisieren. Hinzu kommt die instabile innenpolitische Lage beider Länder, die eng mit dem Bergkarabach-Konflikt verknüpft ist.
Immer wieder kommt es zu Schusswechseln zwischen armenischen Soldaten und aserbaidschanischen Truppen an der armenischen Grenze zur Region Nachitschevan.
Die Positionen beider Staaten um die erstrebte Zukunft der Region in einem der beiden staatlichen Gebilde finden sich bei Wikipedia. Dabei spielt jedoch nicht nur der ethno-regionale Konflikt, sondern auch wirtschaftliche Interessen eine nicht unwichtige Rolle, da eine Destabilisierung der Region bzw. ein offener krieg die Ölreserven am Schwarzen Meer einfrieren würde.
Derzeitige Lage
Die Töne zwischen Baku und Eriwan verschärfen sich zur Zeit jedoch trotzdem weiter: So drohte der aserbaidschanische Präsident Alijew vor einiger Zeit: „Im militärischen Sinne ist Aserbaidschan das stärkste Land in der Region. Armenien muss das einsehen und freiwillig seine Truppen aus dem ihm nicht gehörenden Gebiet zurückziehen. Dann gibt es keinen Krieg“. Und weiter: „Aserbaidschan wird sich niemals mit der Bewahrung der jetzigen Situation zufrieden geben“.
In einem Interview mit dem Spiegel-Online lehnt der Präsident Bergkarabachs, Arkadij Gukassjan, den Vorschlag Aserbaidschans ab, der umstrittenen Region einen erhöhten Autonomie-Status zu gewähren: „Aserbaidschan hat den Krieg angefangen. Alles andere, auch die Probleme der Flüchtlinge, ergibt sich daraus. Wir sind uns bewusst, dass wir nicht in Aserbaidschan leben können. […] Wir wissen, dass Aserbaidschan gar nicht in der Lage ist, Autonomie zu realisieren.“ Derzeit sei Bergkarabach faktisch von Aserbaidschan unabhängig, jeder Versuch des Staates, auch durch solche Zusagen, in Bergkarabach wieder Fuß zu fassen, sei „ein Weg in einen neuen Krieg“.
Kurzum: Beide Seiten versuchen, politische Stärke zu demonstrieren. Aserbaidschan droht mit seinem Militärarsenal, während Bergkarabach eine armenische Intervention zugunsten des Sezessionsstaates im Kriegsfalle höchstwahrscheinlich hält, und auch Russland, die USA und Europa auf seiner Seite sieht, auch wenn diese eine Destabilisierung durch die internationale Anerkennung der Region um jeden Preis vermeiden wollen.
Armeniens Präsident Robert Kotscharjan sieht das Hauptproblem in Aserbaidschans Uneinsichtigkeit: „Aserbaidschan [nimmt] die Realität nicht zur Kenntnis [] und verkennt, das es einen unumkehrbaren Prozess gibt: […] Ein Volk, das seine Unabhängigkeit erreicht hat, wird nicht auf sie verzichten.“ Er sieht den Konflikt als Sache des „armenischen Volkes“, in dem nicht zwischen Armeniern und Bergkarabachern unterschieden werden dürfe.
Eine „asymmetrische Konföderation“ mit der Region hält er für die beste Lösung, ebenso wie die Stabilisierung des Landes durch ausländische Friedenstruppen.
Gleichzeitig legte Kotscharjan aber nahe, dass Armenien keine „militärischen Operationen“ beginnen würde, man sich jedoch im Angriffsfalle zu verteidigen wisse.
Wieder einmal kann man nur eines: Hoffen. Denn nationalistische Parolen und militärische Drohungen werden schon seit Jahren ausgetauscht. Doch lange war die Situation nicht so gespannt wie heute. Sollte es in Bergkarabach zur Eskalation kommen, würde womöglich der gesamte Kaukasus bald in Flammen stehen: Auch nahe liegende Regionen Georgiens (Abchasien, Südossetien), und Russland (Tschetschenien, Dagestan) könnten dann die gewaltsame Loslösung aus den jeweiligen Staaten anstreben. Ein Ende der Gewalt wäre dann nicht mehr absehbar.
Indessen hat der politische Streit auch sportliche Folgen: Die Fußball-Qualifikationsspiele für die Europameisterschaft 2008 zwischen beiden Staaten wurden ersatzlos gestrichen. Durch das Fehlen von zwei Spielen haben beide Staaten erst recht keine reelle Chance mehr, sich für das Turnier zu qualifizieren.

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