Ausgerechnet Treuenbrietzen

Braunkohle. Heute morgen hab ich den Geruch verbrannter Braunkohle wieder gerochen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass es mal wieder Herbst wird.

Im Jahr1993 – also vor 14 Jahren – erlebte ich meinen ersten Winter im Osten Deutschlands – in Westfalen hatte niemand mit Braunkohle geheizt, dort wurde Steinkohle verwendet, so wurde dieser typische Braunkohlegeruch neben dem Anblick der grauen Fassaden zu etwas was ich mit Treuenbrietzen verband.

1993 war für mich ein Jahr des Wechsels, ein Neubeginn. Mein Vater hatte sich im September 1992 erhängt, meine Mutter zog im gleichen Jahr mit meinem Bruder zu Ihrem Lebensgefährten in den Osten und ich blieb noch ein Jahr bei meinen Großeltern in Westfalen. Das ganze wegen der neunten Klasse auf dem Bischöflichen Gymnsium St. Michael in Ahlen. Es kam wie es komme musste, ich war faul wie Hund und bestand das Schuljahr natürlich nicht. Fünfen in Mathe, Englisch und Latein – also kleben geblieben.

In den Sommerferien 1993 kam ich also nach Treuenbrietzen, meine Mutter hatte ein Haus im Böllrich gekauft und auch die ganze Sache mit dem Schulamt weitesgehend geklärt. Es gab da einige Probleme, da ich ja nicht am Russisch Unterricht teilnehmen konnte. Die 9ten Klassen des Gymnasiums Treuenbrietzen hatten damals Russisch als erste Fremdsprache in der 5. Klasse und mit Englisch zwei Jahre später begonnen, Latein ging gar erst in der neunten Klasse los. Der Kompromiss mit der Schulrätin sah vor, dass ich die neunte Klasse trotz meiner miserablen Noten wiederholen durfte, während der Russischstunden hatte ich gewissermaßen Deutsch Leistungskurs. Um mich herum wurde russisch gepaukt und ich musste Tolstoi und „Die Abenteuer des Werner Holt“ lesen und anschliessend Referate drüber halten.

Wie auch immer, ich hatte eine neue Chance bekommen, konnte gewissermaßen ganz von vorne beginnen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, mein bisheriges Leben lag in Schutt und Asche: MeinVater war tot, meine Kumpel alle weit weg und ich muss die neunte Klasse wiederholen und das ganze noch im tiefen Osten.

Aber was soll ich sagen: Es ging aufwärts, Treuenbrietzen wurde meine Wahlheimat und mittlerweile will ich auch hier beerdigt werden.

So kam ich also nach Treuenbrietzen.

Mehr zu meinen Anfängen in Treuenbrietzen gibt es später mal – ich werde jetzt erstmal noch ein wenig Braunkohle schnüffeln und mich in die wilden Jugendjahre träumen..

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